#18 Dialoge für Kriminologe

Salve,

am liebsten schreibe ich Dialoge. Manchmal gibt es keine Geschichte, in die sie sich einbetten lassen und so bleiben viele von ihnen im Verborgenen. Einen solchen ‚freien‘ Dialog habe ich heute mitgebracht, er hat am Ende sogar noch den Beginn einer Rahmenhandlung erhascht. Wenn ich die Motivation finde, kann das Ganze vielleicht gar in einer kurzen Geschichte o.Ä. münden.


„Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?“

„Danke, ich rauche nicht.“

„Sollten Sie.“

„Bitte?“

„Sie sollten rauchen. Es entspannt die Nerven.“

„Ich achte auf meine Gesundheit.“

„Wünschen Sie sich ein langes Leben?“

„Nein. Nein, wirklich nicht. Ehrlich gesagt, kann ich das Ende kaum erwarten.“

„Dann nehmen Sie eine. Sie wird keinen negativen Einfluss auf Ihre Zukunft haben. Dessen bin ich mir sicher.“

„Meine Zukunft? Was habe ich schon für eine Zukunft? Sehen Sie mich an! Ich sitze im Park auf einer Bank und bringe es kaum fertig, mit einem Fremden Konservation zu führen.“

„Konversation. Entschuldigen Sie. Dieses Korrekturverhalten habe ich mir angewöhnt, es ist schwer, einmal Verinnerlichtes wieder abzulegen.“

„Was Sie nicht sagen. Mein Job hatte mich verinnerlicht. Doch nun hat er mich plötzlich abgelegt. Was halten Sie davon?“

„Ihr Job war ihr Leben?“

„Er erfüllte mich mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, etwas beizutragen. Verstehen Sie? Seit ich arbeitslos bin, irre ich herum, rastlos, nutzlos, sinnlos.“

„Die Bedeutungslosigkeit Ihrer Existenz wird Ihnen wohl erst in der Langeweile offenbar?“

„So kann man es ausdrücken. Früher hatte ich gar keine Zeit, mir über so etwas Gedanken zu machen.“

„So etwas?“

„So etwas wie den Sinn oder Unsinn des Lebens. Ich habe funktioniert. Das war alles, worum es mir ging. Jetzt funktioniere ich nicht mehr, bin überflüssig, wurde ersetzt. Wie eine kaputte Maschine. Abmontiert und auf den Müll transportiert.“

„Es gibt viele Jobs da draußen. Warum suchen Sie sich keinen neuen?“

„Sie haben leicht reden. In meinem Alter. Mit meinen Qualifikationen. Ich habe nicht einmal einen Schulabschluss, geschweige denn eine Ausbildung. Was arbeiten Sie, wenn ich fragen darf?“

„Ich erlöse.“

Der feuchte Schotter knirscht unter den profillosen Reifen des alten Benz. Typische Einsteigerkarre für Drogendealer. Das Fenster öffnet sich einen Spalt und ein Kippenstummel fliegt heraus, die Glut ertrinkt in Pfützen von letzter Nacht. Der Regen hat alles fortgespült. Die Idole der vorletzten Generation sprudeln ihre Evergreens aus dem Autoradio, der Fahrer klopft unrhythmisch auf sein Lenkrad. Die Tür öffnet sich, Buddy Holly verstummt. Ein abgewetzter Turnschuh tritt heraus und versinkt im Treibsand. Nadelstreifen Hose, darüber eine kurze Lederjacke, die Schultern an die Ohren gezogen, der unrasierte Unterkiefer sehnt sich nach einem Kaugummi. Die vernarbte Hand greift in die Jackentasche, zieht ein Päckchen Gauloises Blau heraus und steckt eine an. Schon die vierzehnte heute und es ist noch nicht einmal Mittagszeit.

„Guten Morgen Inspektor. Die Leiche liegt drüben bei der Bank.“

Der Auszubildende zieht das gelbe Absperrband hoch, der Inspektor steigt darunter hindurch, wie ein Boxer, der den Ring betritt. Er wendet sich nervös um, leckt über die Zähne, beißt sich auf die Lippe.

„Haben Sie einen Kaugummi?“

„Nein Sir, tut mir Leid.“


 

Sei stolz & bescheiden. Peace.

 

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#17 ABSTURZ IN DER WÜSTE

blumenfeld

 

 

 

‚Absturz in der Wüste‘ ist der 1. Teil der Serie ‚Die Fantasygeschichte‘. Ein humoristisches Abenteuer für jung und alt mit Illustrationen aus Künstlerhand.

Die Fantasygeschichte ist erhältlich als Taschenbuch und als ebook.

Zudem gibt es die deluxe-Version bei uns persönlich oder auf Bestellung (an: jbilderberg@icloud.com)


Nach einjähriger Arbeit bin ich froh, die Ernte präsentieren zu dürfen. Es wurde recherchiert, getippt, korrigiert, diskutiert, gezeichnet, geklebt, gesetzt und gegen Ende geschwitzt. Ich bedanke mich an dieser Stelle noch einmal bein den vielen Mitwirkenden, insbesondere: Sena für ihre Ideen und Einflüsse, Meier für seine Zeichnungen und Max & Sam für das Testlesen.


Inhalt

Der gewissenhafte Sammler Fontis wird in ein entlegenes Dorf am Rand der Ewigen Wüste entsandt. Er ist Experte für die verschollenen Relikte und die zahlreichen Legenden, die sich um dieses Gebiet ranken.  Fintsere Dämonen, menschenfressende Ungetüme und die gnadenlose Sonne verraten, warum man diese Einöde den Kontinent der Flammen nennt.

Zum Glück muss Fontis diesen Vorhof der Hölle nicht allein betreten. Kommandantin Virga steht ihm pflichtbewusst zur Seite. Das würde sie zumindest, wenn sich Fontis nicht verspätet hätte. Auf der Suche nach der Kommandantin muss er vorsichtig sein, denn die Dorfbewohner haben eigene Probleme, bei deren Lösung sie sich die Hilfe des Fremden erhoffen.


Das Phantastische

Auf dem Kontinent der Flammen leben allerlei Wesen, die sich weder Mensch noch Tier zuordnen lassen. Viele von ihnen meiden den Kontakt zu Menschen, sodass ihre Existenz nur durch die Erzählungen einzelner bezeugt wird.

ghulestadtBerichte über das Auftauchen von Ghulen in Siedlungen nahe der Wüste gehören hingegen zum Alltag. Diese seltsamen Geschöpfe des Sandes überfallen nachts die Dörfer und verbreiten Unheil. Unter der Bevölkerung verbreitet sich das Gerücht, dass Ghule ihre Opfer verspeisen.

Wesentlich seltener, dafür auf Hoffnung statt auf Angst beruhend, sind Begegnungen mit Jinn. Als friedliche Dämonen leben sie zurückgezogen in der Wüste. Doch schon manch verirrter Wanderer, der sich dem Verdursten nahe sah, durfte die glückliche Begegnung mit den Jinn erleben. Sie stehen in dem Ruf, den Menschen Wünsche erfüllen zu können, was in den Menschen (ganz artgerecht) Begierlichkeiten weckt.


Leseprobe

>Auf und in ihren Körpern tragen die Bewohner des Dorfes Käfer, die sich in komplexen Höhlensystemen unter der Haut eingerichtet haben. Mitunter erkennt man feine Beulen an Armen oder Hälsen von Bauern, die sich mit krabbelnder Geschwindigkeit fortbewegen.

Aufgrund ihrer geringen Größe sind die Käfer nicht weiter schädlich für den menschlichen Organismus. Ein vergleichsweise harmloser Parasit. Die Käfer sind stets bemüht, ihre subkutane Population so gering zu halten, dass sie die Gesundheit ihres Wirtes nicht gefährden.

Afarit bleibt neben zwei Bauern stehen, die sich in belanglosem Tratsch verwirklichen:

„Ich sage dir, es war auf jeden Fall ein Ghul. Du kannst froh sein, dass er dich verschont hat!“

„Nein! Es war viel größer. Wie ein Mensch, aber zwei Köpfe größer als wir“, er zeigt es mit der Hand, „so in etwa. Und es hatte Flügel, wie ein Drache. Bestimmt war es ein Drache!“

„Entschuldigt, wenn ich mich einmische“, unterbricht sie Afarit, „mich interessiert diese Erscheinung ebenfalls. Wann und wo ist dir dieses Wesen begegnet?“

„Es war heute früh. Es rannte an meinem Fenster vorbei, schneller, als ich je einen Menschen rennen sah. Erst dachte ich, es sei ein Ghul, deswegen griff ich zu meiner Sichel und wagte mich nach draußen. Dort sah ich das Wesen“, er zeigt mit dem Finger, „beim Haus des Aufsehers. Vielleicht wollte es ihn angreifen, dachte ich. Also bin ich zu ihm gelaufen, um ihn zu warnen. Ich habe gegen die Tür gehämmert, bis der Aufseher sie öffnete. Nackt war er. Zu all dem Leid auch das noch!

Er hat mich geohrfeigt und weggeschickt. Sagte, bei ihm sei kein merkwürdiges Wesen und dass es bestimmt nur ein Traum gewesen sei und dass ich ein Idiot sei. Und viele Gemeinheiten mehr.“

„Du hast mir sehr geholfen“, spricht Afarit zu dem Bauern, „daher möchte ich dir einen Wunsch erfüllen.“

„Einen Wunsch? Was seid Ihr? Ein Jinn? Na gut, dann Wünsche ich mir, dass ich nie bei der Ernte in Flammen aufgehen werde.“

„Dein Wunsch sei mir Befehl“, spricht Afarit, zückt seinen Säbel und enthauptet den Bauern mit einem Streich.<


 

 

#16 Die Fantasygeschichte

Hallo Buddy,

das Jahr neigt sich langsam dem Ende entgegen, daher wird es Zeit, zu präsentieren, woran ich das Jahr über gearbeitet habe.

Nach Buddy Ravage – Ein Detektiv räumt auf wollte ich mir eine Auszeit von grauem Realismus und noch grauerem Endzeit-Noir geben. Den Urlaub verbrachte meine Phantasie auf dem Kontinent der Flammen.

Die Gräueltaten des tausendjährigen Kriegs hinterließen große Flächen der Welt unbewohnbar. Am Rand dieser Niemandsländer versammeln sich jedoch wieder Menschen zu überschaubaren Dorfgemeinschaften.

Die entbehrungsreiche und sehr gefährliche Pionierarbeit nehmen diese Menschen auf sich, um für die folgenden Generation den Kontinent der Flammen in das Paradies zurückzuverwandeln, das er vor den Bomben war.

Den wichtigsten Job dabei übernimmt der Aufseher, welcher mit unkonventionellen Mitteln die landwirtschaftliche Produktion im Gang halten muss. Mit Übersicht und Ausdauer besteht er jede bürokratische Zerreißprobe, doch als unerwartet Fremde im Dorf auftauchen, stößt der mutige Aufseher an seine Grenzen.


Die Tür zum Nebenraum öffnet sich und liefert Hinweise für die Quelle des üblen Duftes. Ein rundlicher Mann watschelt in den Vorraum. Haare, Haut und Zähne: blond. Kleidung, Bart und Augen: rot. Sein haariges Bauchfleisch quillt zwischen Hemd und Hose hervor wie ein schwitzender Hefeteig. An den Armen und um den Hals trägt er goldene Kettchen. In der Hand hält er ein Stück Käse, von dem er hin und wieder kleine Brocken abbricht, die er in die Höhe wirft und mit dem Mund auffängt. Er bemerkt Fontis nicht, sondern läuft schnurstracks zu einem Schrank und wühlt darin herum.

„Sind Sie der Aufseher?“, fragt Fontis und starrt voller Entsetzen auf den grünlichen Käse.

„Warten Sie, danke!“, meckert der Mann, „hat Ihnen das meine Assistentin nicht gesagt?“

„Ihre Assistentin? Dann sind Sie also der Aufseher. Ich habe ein dringendes Anliegen.“

„Bitte, dringliche Anliegen bearbeiten wir nur vormittags“, wehrt der Aufseher ab.

„Es ist Vormittag“, sagt Fontis und bestätigt sich durch einen Blick auf seine Taschenuhr, „mein Name ist Fontis. Ich komme im Auftrag der Regierung von Scientia.“

Dem Aufseher fällt sein Käse aus der Hand. Seine Gesichtszüge sind unerträglich. Sie vermögen auch im größten Pazifisten den Wunsch zu säen, mit der Faust hineinzuschlagen. Ständig grinst er, als wüsste er ein Geheimnis, das er aus reinem Geltungsbedürfnis für sich behielte. Seine Augen stehen zu dicht beieinander und sein Mundgeruch vermag aus Männlein Weiblein zu machen.

„Sie sind aus Scientia?“, fragt der Aufseher, „Sie sind gekommen, um uns mit den Ghulen zu helfen, danke! Ein Bote berichtete mir, Sie hätten sogar schon einen gefangen und auf dem Marktplatz hingerichtet. Bitte, großartige Arbeit.“

„Sie verstehen nicht…“

„Doch, doch“, unterbricht der Aufseher, „seit Jahren plündern diese verdammten Hurenböcke unsere Ernten, für die wir hart arbeiten, danke. Wissen Sie, das Leben hier ist nicht leicht“, er sammelt den Käse vom Boden auf, entfernt den Dreck durch halbherziges Pusten und schluckt ihn herunter, „es wurde Zeit, dass Scientia eingreift. Was uns seit dem Ende des Krieges nicht alles versprochen wurde. Wiederaufbau hier, Nahrungsmittel dort, Medikamente, bitte, danke… nichts davon haben wir je bekommen. Aber nun sind zumindest Sie da, um uns gegen die Ghule zu helfen und dafür möchte ich Ihnen persönlich danken.


‚Die Fantasy Geschichte‘ ist eine Fortsetzungsgeschichte mit abgeschlossenen Episoden. Die erste Episode erscheint Dezember 2017 in Buchform (e&paper). Das Buch wird etwa den Umfang von ‚Buddy Ravage‘ haben (ca. 130-150 Seiten) und wird von M.eier illustriert.

‚Die Fantasy Geschichte‘ ist ein humorvolles Abenteuer mit skurrilen Charakteren und mystischen Wesen, die stark von arabischer Mythologie (bzw. Popkultur über den arabischen Raum) inspiriert sind (z.B. aus 1001 Nacht, Aladdin, Koran…)

Bleib angetörnt für weitere Infos und sei am Start, wenn dieses Schmankerl zeitgenössischer Unterhaltungsliteratur auf dem Markt einschlägt. Dez.2017.

Peace.

#15 Heimweh

Hallo Buddy,

Das Gedicht ‚Heimweh‘ (2014) beschreibt die Eindrücke der Großstadt, welche auf den kleinstädtischen Geist wirken. Besonders augenscheinlich wird dies an geschäftigen Tagen in den riesigen Einkaufszentren. Alles ist laut, schnell, bunt, hässlich, extrem überladen und mitunter überfordernd. In diesem gefühlten Moloch entsteht leicht Sehnsucht nach dem geordneten und überschaubaren Horizont der Heimat.

(Das Zeichen // steht für eine kurze Pause beim Lesen. )


Heimweh (2014)

Die heruntergekommene Frau // schimpft lautstark mit dem Ehemann. // Sie ist allein. // Keine Fassade schützt die normalen Menschen // vor dem Anblick ihrer rohen // verrückten Einsamkeit. // Kinder glotzen, Jugendliche lachen, Erwachsene senken // beschämt das Haupt.

Eingekesselt zwischen vietnamesischen Fischgerichten // und thailändischer Nagelpolitur // tauscht man Altgold in Bargeld, // Bargeld in Plastik. // Globalisierung & Kapitalismus // Maos Erzfeinde, Stalins Alpträume: // degradiert zum Alltag.

Abartige Fratzen verzieren // einst menschlichen Gesichter // mit Schminke und Lippenstift, // bis sie abstrakter Kunst gleichen. // Zum Wohle der Gemeinschaft // sollten sie sich // im Museum aufhängen.

Dekorationen eines unwürdigen Schauplatzes. // Requisiten. // Ihre Bewegungen, // ihr Verwelken, // ihr Verwesen // und Verwandeln, // ihr Verändern: // die Zeichen der Zeit.


Das war’s für heute. Peace out.

#14 Hallo Wien! (2017)

Hey Buddy,

Heute ist Halloween, da gibt es für mich nichts Schöneres, als in spukig-gemütlicher Atmosphäre Gruselgeschichten zu erzählen. Dafür ist es praktisch, auf ein großes Repertoire an haarsträubenden Stories zurückgreifen zu können, sodass die Zuhörer nicht mit der Widerkehr des ewig gleichen Mann-Auto-Haken-Tür-Mythos gelangweilt werden.

In diesem Sinne gibt es von mir heute keine Süßigkeiten, sondern 3 düstere Legenden: zum Vorlesen, Weitererzählen und Gänsehauterregen.

Der Lykanthrop – Kurzgeschichte. Ein Hund in Not erregt die Aufmerksamkeit eines schwerkranken Anwohners.

Vanitas – Kurzgeschichte. Ein verwirrter Vater gesteht den Mord an seinem wunderlichen Sohn.

Tetzel-Gemetzel – Kurzgeschichte. Ein ungewöhnlicher Schlossherr plant eine verhängnisvolle Party.

„In der Neumondnacht des Dezembers kulminierte ihr Wahn. Ihr ansonsten formloses Gekreische ging über in rhythmische, fast melodische Laute. Sie rezitierte ein Gedicht des Teufels, dessen Worte mir unverständlich blieben und dessen Botschaft das Blut in meinen Venen zu Eis erstarren ließ. Bei dem Versuch, die unkoordinierten Krämpfe ihres gepeinigten Körpers unter Kontrolle zu bringen, krallten sich ihre Fingernägel in das Fleisch meines Armes. Sie bohrten tief hinein, bis an den Knochen und der Schmerz gab meinen Trieben überhand…“

In diesem Sinne: Schauer ahoi!

Peace.

#13 Der große Fund (2017)

Hallo Buddy,

Der Ernst des Lebens beginnt früh , daher stehe ich lieber spät auf. In diesem Sinne entstand auch mein Gedicht „Der große Fund“ von 2017. Es zeigt zudem auf wirkungsvolle Weise die sozialen Interaktionen… ach was. Lesen, lachen, weiterleben.


Der große Fund

Das kleine süße Antjchen,

find’t beim Spiel‘n ein Kantchen

von dem allerfeinsten Hasch.

Und weil sie die Einfalt pinselt,

steckt sie’s achtlos in die Tasch.

 

Antje dann zu später Stunde

dreht sich heimlich eine Lunte.

Versteckt im Keller wie ein Opfer,

denn wenn Mutti es nur ahnt,

gibt’s Saures via Teppichklopfer.

 

Draußen dann im dunklen Garten,

will Antje friedlich Einen harzen.

Und wer mag es ihr verübeln,

zu naiv für einen Lungenzug,

pafft sie heiter ihren Dübel.

 

Den Satansbraten längst gerochen,

war er doch aus ihr gekrochen,

ist Mutti flink herangeschlichen,

wollt die ungezog’ne Tochter

auf frischer Tat erwischen.

 

Mutti springt aus ihr‘m Versteck,

die Tochter hat das sehr erschreckt,

mit Rauch im Mund stockt ihr der Atem.

So verhalf die Mutti ihrer Antje,

zum ersten Lungenzug im Garten.



 

Wir lesen uns später.

Peace.

#12 Buddy wer? (2016)

Hallo Buddy,

2016 erschien mein Roman Buddy Ravage – Ein Detektiv räumt auf. In einer Stadt, die von der Außenwelt abgeriegelt wurde, herrscht das Chaos. Mutanten, marodierende Straßenbanden und aggressive Cops säumen die Straßen. Wo Mord und Raub zum Alltag gehören, blüht das Geschäft für private Schutzmänner und Detektive, wie Buddy Ravage.

Der tablettenabhängige Schnüffler lebt in einem brüchigen Büro im schlimmsten Viertel der Stadt. Als er unerwartet eine junge Frau vor einem riesigen Mutanten retten möchte (so sieht zumindest Buddy die Situation), verstrickt das Schicksal Buddy in einen Fall, der weit über seine Fähigkeiten hinausgeht.

Bei der Arbeit an einem solchen Buch kommt allerlei Material zusammen, welches am Ende, aus dem einen oder anderen Grund, nicht im Buch erscheint. Für ‚Ein Detektiv räumt auf‘ gibt es über hundert solcher Seiten, mehrere Kapitel, ganze Figuren, die später wieder gestrichen wurden.

Das Kapitel, das ich heute präsentiere zeigt Buddy, der sich mit einer versteckt lebenden Mutanten im Nordend (damals noch Südstadt) trifft. Wenn du Buddy Ravage gelesen hast, wird dir auffallen, das die meisten Elemente der Geschichte sich seit diesem frühen Kapitel grundlegend geändert haben.


Buddy Ravage – Ein Detektiv räumt auf (OUTTAKE)

Xylit & Fentanyl

Mützenschirm tief ins Gesicht ziehen, Kapuze darüber, Hände in den Taschen. Unauffällig wirken, unbemerkt zum Haus der alten Dame laufen. Es ist nie vorteilhaft, dabei gesehen zu werden, wie man durch das Fenster einer Mordwohnung klettert.

Das Haus, in dem sie wohnt, ähnelt dem von Darwin. Sauberer Flur, Zitronenduft. Im ersten Stock die richtige Tür finden. Klopfen. Sie öffnet nicht. Natürlich. Wieso sollte sie? Muss mir etwas anderes überlegen. Schatten unter dem Türspalt, leise Atemgeräusche. Sie horcht mit dem Ohr an das Holz gelehnt.

Entschuldigen Sie die Störung. Mein Name ist Buddy Ravage. Ich untersuche das Verbrechen, das vor ein paar Tagen im Haus gegenüber verübt wurde. Dachte, Sie hätten vielleicht etwas gesehen?“

Stille. Keine Antwort. Einfach wieder gehen. Sie will sicher keinen Ärger. Hoffentlich ruft sie nicht die Cops.

Sie sind kein Polizist oder?“

Dünne, zittrige, freundliche Stimme. Erinnert an meine eigene Großmutter.

Nein. Ich bin ein Detektiv aus dem Nordend. Die Schwester des angeblichen Täters hat mich beauftragt.“

Hätte den letzten Teil für mich behalten sollen. Nie mehr Informationen geben als nötig. Sie öffnet langsam. Eintreten. Sie schließt die Tür, hinter der sie sich bis eben versteckt hielt. Eine kleine Frau, graues Haar, faltiges Gesicht, runde Brillengläser, ängstlicher Gesichtsausdruck, altmodisches Kleid mit Schürze. Statt Beinen hat sie sechs lange Tentakel, die sich ständig bewegen. Sie ist ein Mutant. Und was für einer.

Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“

Möbel, Dekoartikel, Stofftiere. Bemerkenswerter Stil. Noch nie so eine Einrichtung gesehen. Große abstrakte Gemälde in dunklen Rahmen. Sofa mit dicken Kissen, weicher Teppich, weiße Wände. Ein kleines Holzhäuschen mit Ziffernblatt hängt an der Wand. Es schlägt zur vollen Stunde und ein Vogel kommt heraus, „kuckuck“, verzieht sich wieder hinter seine Klappe. Verrückt.

Was ist das? Eine Vogeluhr?“

Eine Kuckucksuhr. Die waren früher sehr beliebt. Heute ist diese wahrscheinlich die einzige in der ganzen Stadt.“

Sie bewegt sich eigenartig auf ihren Tentakeln, greift mit der einen nach einer Tasse, mit der anderen nach der Teekanne, gießt ein, hält mit der dritten einen Löffel Zucker.

Mögen Sie etwas Xylit in Ihren Tee?“

Gern.“

Was ist Xylit? Hoffentlich kein Nervengift. Auf das Sofa setzen, versinken. Noch nie so gemütlich gesessen. Es läuft eine Schallplatte. Guter Sound.

Was ist das für Musik?“

Donovan. Hier, nehmen Sie.“

Umständlich nach der Tasse greifen, nicht die Tentakel berühren. Könnte schleimig sein. Irgendwie auch zu intim.

Schrecklich, nicht wahr?“

Starre auf ihren Unterbau.

Wie kommt es, dass ein Mutant… ich meine, dass eine Frau wie Sie in einer so schönen Wohnung in der Südstadt lebt?“

Tee ist hervorragend. Süß & heiß. Sie trinkt auch einen, benutzt dafür ihre menschlichen Hände.

Ach, wissen Sie, ich war früher eine wirklich hübsche Frau. Mein Mann war ein hoher Beamter. Er ist vor drei Jahren verschwunden. Diese Wohnung haben wir seit unserer Hochzeit.“

In dieser Stadt heiratet schon lange niemand mehr, dass Menschen verschwinden, gehört hingegen zur Tagesordnung.

Oh, Sie sind aber auch noch recht grün hinter den Ohren. Wie alt sind Sie? 28? Naja, wie dem auch sei. Als dann dieser Komet abgestürzt ist, war ich gerade im Westend.“

Komet? Woher wissen Sie, dass es ein Komet ist? Könnte alles sein.“

Komet, Raumschiff, Bombe… was auch immer. Sie werden uns nie sagen, was es tatsächlich ist. Ich habe die Explosion gehört. Die Rauchwolke, ein riesiger, rot leuchtender Pilz, verdeckte tagelang den Himmel. Neben mir begannen Menschen zu schreien, sich auf dem Boden zu wälzen. Einige gingen in Flammen auf. Einfach so. Wie vom Blitz getroffen. Grauenhaft. Ich selbst war der Strahlung auch ausgesetzt. Habe es überlebt. Wie Sie sehen.“

Als die Säuberungen durchgeführt wurden, hätten die Cops Sie doch finden müssen. Mit einer solchen Mutation bringt man Sie für gewöhnlich in Quarantäne.“

Quarantäne. Wissen Sie, was ein Euphemismus ist? Wenn ein Ausdruck zu schön ist, für die Sache, die er bezeichnet. Nun, dass ich nicht in Quarantäne gelandet bin, verdanke ich meinem Mann. Er hat mich vor den Säuberungen versteckt. Sagte den Beamten, ich sei tot. Seitdem habe ich diese Wohnung nicht mehr verlassen. Jetzt, da mein Mann verstorben ist, zahle ich den Preis meiner Rettung in Einsamkeit. Entschuldigen Sie.“

Schwarze Tränen fließen.

Hier, mein Taschentuch.“

Sie schnäuzt sich, steckt es ein, spricht leiser weiter.

Tut mir sehr leid. Ich bin etwas nah am Wasser gebaut.“

Deswegen auch halb Oktopus.“

Geschmackloser Witz. Sollte mich zusammenreißen. Sie lacht. Glück gehabt.

Sie erinnern mich an meinen Mann. Egal wie finster alles schien, er konnte mich immer aufheitern. Aber nun genug von mir und meinen langweiligen Geschichten. Sie sind sicher nicht gekommen, um mit mir Tee zu trinken.“

Der Fall. Auf der Kuckucksuhr ist es schon fünf. Beeilung, sonst ist Mr. Wedgwood geliefert.

Ich möchte Sie keiner Gefahr aussetzen. Aber es sieht folgendermaßen aus: In der Wohnung gegenüber ist ein Mord geschehen. Vor ein paar Tagen. Weiß nicht genau wann. Am Tatort wurde der Bruder meiner Klientin verhaftet. Sie sagt, er sei unschuldig. Es liegt an mir, das zu beweisen. Bis morgen. Haben Sie irgendetwas beobachtet, was mir weiterhelfen könnte?“

Bedrückter Gesichtsausdruck, ihr Hirn arbeitet. Sie weiß etwas.

Ich habe den Herrn schreien hören. Grausam. Hatte in den Nächten darauf Albträume. Den Mord selbst habe ich zum Glück nicht sehen können. Schauen Sie aus dem Fenster, machen Sie sich ein Bild davon, wie klein der Ausschnitt ist, den man erkennen kann.“

Aufstehen fällt schwer, Sofa wie Treibsand. Teetasse abstellen, schönes Tischchen mit Glasplatte. Tatsächlich sieht man nur ein kleines Stück von Darwins Wohnzimmer. Keine Details. Gesichter wären schwer zu unterscheiden, die Scheibe reflektiert das Sonnenlicht. Das muss an dem Xylit liegen.

War es nachts oder tagsüber?“

Es war 15 Uhr. Helllichter Tag. Das macht es irgendwie noch grausamer, finden Sie nicht? Darwin, so hieß er doch? Später las ich davon in der Zeitung. Ihn habe ich jedenfalls gesehen, er wohnt dort. Ein anderer Mann war auch da. Den sah ich an diesem Tag zum ersten Mal. Schlank, recht groß. Konnte ihn nicht genau erkennen. Sie haben sich unterhalten. So sah es zumindest aus.“

Ist Ihnen noch etwas aufgefallen? Denken Sie bitte genau nach.“

Sie legt eine Tentankelspitze ans Kinn, schaut schräg nach unten, Blick schweift ab, faltet die Stirn, grinst zufrieden.

Ja, eine Sache war da noch. Einer von beiden hat das Fenster geöffnet und etwas hinausgeworfen. Etwas Kleines. Vielleicht war es ein Ball oder ein Würfel. Danach hat er das Fenster wieder geschlossen. Kurz darauf muss es dann passiert sein. Der Mord, meine ich.“

War außer den beiden noch jemand in der Wohnung? Vielleicht ein riesiger Typ mit Hut?“

Nein. Auf keinen Fall. Es waren bestimmt nur die beiden. Es ist auch danach niemand mehr gekommen oder gegangen. Bis dann die Polizei aufgetaucht ist.“

Sieht übel für dich aus, Mr. Wedgwood. Sogar meine Überaschungszeugen belasten dich. Deine letzte Chance könnte das sein, was einer von euch aus dem Fenster geworfen hat. Falls es noch zu finden ist. Augen zusammenkneifen, Muskeln verkrampfen sich, Kopfschmerzen. Verdammt. Der Entzug. Aufstoßen, ein bisschen Kotze im Mund. Süßlich, Teearoma. Schlucken. Ekelhaft. Erinnert an den Käse auf den Sandwiches im ‚Domizil‘.

Geht es Ihnen gut? Sie sehen blass aus. Haben Sie Schmerzen?“

Sollte meine Probleme für mich behalten.

Ja, starke Schmerzen. Aber es geht schon. Bin es gewohnt. Machen Sie sich keine Umstände. Bitte.“

Möchten Sie vielleicht eine von meinen Pillen? Die helfen mir immer sehr gut.“

Sie zieht eine Schachtel Abstral 300 Mikrogramm sublingual Tabletten aus ihrer Schürze. Fentanyl. Ein Wunder, dass es die überhaupt noch gibt. Nicht anfangen zu sabbern. Heute ist mein Glückstag.

Meinen Sie? Die kenne ich gar nicht. Aber ich nehme gern eine. Vielen Dank.“

Damit dürfen Sie aber nicht mehr Autofahren.“

Wir lachen.

Die Dame war wirklich nett. Wahrscheinlich noch nie einen so netten Menschen getroffen. Werde sie in nächster Zeit mal wieder besuchen. Hoffentlich.

Es wird dunkel. Die Gasse hinter Darwins Haus, Hunde bellen, Trillerpfeife aus der Ferne. Suche nach der Kugel, dem Würfel oder was es sonst war, das vor Darwins Ermordung aus dem Fenster geworfen wurde. Auf dem Boden liegt nichts. Alles viel zu ordentlich. Auch nicht in den Mülltonnen. Möchte nicht darin wühlen. Hitze, Parka aufmachen, Mütze vom Kopf, Schweiß von der Stirn wischen. Dumpfes Gefühl auf den Ohren. Nase zuhalten, Druckausgleich. Optische Wahrnehmung verschwommen. Stehe auf einem Kanaldeckel mit großen Löchern, durch die ein kleiner Gegenstand gefallen sein könnte. Ist es wirklich so weit? Muss Buddy Ravage in die Kanalisation steigen?


Bis übermorgen, zum letzten Teil dieser Serie, um 20:15 gibt es einen Text aus dem Jahr 2017.