„Pileau“ – das 24 Stunden Buch

Hallo Buddies,Pileau Cover

wir haben unsere Drohung wahr werden lassen und haben ein Buch in 24 Stunden ausgedacht, geschrieben und illustriert. Das fertige Werk trägt den Namen ‚Pileau‘ und ist eine romantische Reisekomödie mit 90 Seiten.

Nähere Infos zum Inhalt des Buchs findest du hier. Falls dich interessiert, was wir geschafft haben, kannst du das Buch hier bestellen. Ab Anfang Mai haben wir auch Exemplare bei uns, also keine Sorge, falls du online-Bestellung zu unpersönlich findest.

In diesem Blogpost werde ich kurz über die Entstehung des Buchs schreiben, unser Vorgehen besprechen und zuletzt aufzeigen, was ich für die nächsten 24 Stunden Projekte gelernt habe.


1. Der Plan (6:30 Uhr – 7:30 Uhr)

Beim reichhaltigen Frühstück überlegten wir, welches Thema das Buch haben soll. Die erste Idee war, einen Piloten als Protagonisten zu wählen (, weil es die ‚Pilotfolge‘ ist). Obwohl keiner von uns über besondere Kenntnisse hinsichtlich Piloten, Flugzeugen oder Flughäfen verfügt, einigten wir uns kurzerhand darauf. Im Folgenden ist dieser Plan entstanden, auf dem ich versucht habe, die wichtigsten Eckpunkte des Konzepts festzuhalten.

plan

 

Ohne Erfahrungen, wie viele Seiten ich in 24 Stunden schreiben kann, habe ich mir 100 Seiten zum Ziel gesetzt. Dementsprechend findet sich (in der kleinen Grafik) die Seitenaufteilung für die einzelnen Kapitel der Geschichte mit den jeweiligen Orten an denen sie spielen.

Außerdem finden sich auf dem Plan die Hauptfiguren und ihre Charakter-eigenschaften.

Einige der Ideen sind natürlich am Ende nicht im Buch gelandet.


2. Die Fleißarbeit (7:30 – 00:30)

Durch die Festlegung des Themas ‚Flughafen‘ etc., konnte Meier direkt mit dem Zeichnen anfangen und uns mit diversen Ansichten versorgen, die man typischerweise an Flughäfen und in Flugzeugen findet. (ich war beeindruckt, dass jemand ein Flugzeug so aus dem Kopf zeichnen kann:)

flugzeugstartplatz

Für mich ging das Schreiben los. Ohne viel nachzudenken, schrieb ich, was mir in den Kopf kam und ließ dabei zu, dass sich die Szenen von selbst entwickeln. Immer, wenn mir nichts mehr für eine Szene einfiel, findet ein Wechsel statt, entweder zu anderen Figuren oder anderen Schauplätzen. Ich habe immer 5 Seiten am Stück geschrieben (anfangs ca. 40 Minuten pro 5 Normseiten) und dann eine kurze Pause eingelegt.

Da mir das Setting mehr oder weniger fremd war, entschloss ich mich, auch in einem Genre zu schreiben, an dem ich mich noch nie versucht habe. Eine leichtherzige Komödie mit Romantik und skurillen Figuren hat den Vorteil, dass der Plot weniger im Vordergrund steht (als z.B. bei einer ‚Detektiv klärt den komplizierten Mord auf‘-Geschichte) und viel Raum lässt, um schnell bizarre Situationen zu entwerfen und aufzulösen.

Allerdings war mir nur lustig und romantisch zu langweilig beim Schreiben, sodass ich mich entschied, noch ein paar ‚tiefsinnigere‘ Gedanken und Dialoge einzubauen. Dies war eingangs die Idee für den Ton des gesamten Buches, in der Praxis war es vielleicht meine heitere Stimmung an dem Tag, die für den viel leichtherzigeren Ton und Inhalt verantwortlich war. Wenn man schreibt, ohne nachzudenken, muss man wohl seinem Gefühl Ausdruck verleihen.

Nach 12 Stunden merkte ich, wie mein Leistungspensum deutlich abnahm. Die Zeilen flossen viel träger durch meine vom Tippen schweren Finger. In den ersten 12 Stunden habe ich 57 Seiten geschrieben, in den 4 Stunden danach nur noch 15. Nach 16 Stunden war die Geschichte in der Form, in der sie auch im fertigen Buch zu sehen ist. Es blieb noch Zeit, das Ganze einmal grob korrekturzulesen.


3. Reflektion

Was habe ich aus diesem Projekt gelernt?

-in 24 Stunden lässt sich ein Buch schreiben & illustrieren.

-16 Stunden sind für mich derzeit das Maximum, d.h. die folgenden Bücher werde ich auf diese Länge auslegen (also: 60-70 Normseiten).

-2 Energy Drinks am Tag sind zu krass für meinen Organismus, ein Rockstar + Coke muss beim nächsten Mal genügen.

-der Ideenfluss war weniger hinderlich als die körperliche Konstitution. Um längere Bücher in 24 Stunden zu schreiben, muss ich fitter werden.


Es war insgesamt ein beflügelndes Projekt und ich bin gespannt darauf, die ersten Exemplare bald in den Händen zu halten. Wir werden die 24 H Serie bald fortsetzen und ich bin gespannt, was noch dabei herauskommt. Ich habe mir auch überlegt, beim nächsten Mal einen Livestream einzurichten, sodass ihr mir beim Tippen auf die Finger (und aufs Blatt) schauen könnt.

Peace.

panorama

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Schnellschreiben

Hallo Buddies,

die Lesung in der Desi liegt hinter uns und mir war es eine große Ehre, euch vorzulesen. Weitere Veranstaltungen dieser Art sind in Planung. Vielen Dank an die zahlreichen Besucher und Helfer.

lesungpublikum


Zur Zeit bereite ich mich auf meinen Part in einem Projekt vor. Wir werden ein illustriertes Buch produzieren, von der ersten Idee, den ersten Skizzen, bis zu dem fertigen Manuskript. Und damit das Ganze auch spannend ist, haben wir dafür nur 24 Stunden. Wir möchten herausfinden und zeigen, was alles an einem Tag machbar ist, wenn man zusammenarbeitet und mit Leidenschaft dabei ist.

Meine Aufgabe ist dabei klar:

Ich muss ein ganzes Buch (100+ Seiten) an einem Tag (24 Stunden) schreiben.

Da es mir unmöglich scheint, in dieser Zeit einen umfassenden Plan der Geschichte anzulegen, mit Figurenkonstellationen und allem Pipapo, werde ich mir den größten Teil der Geschichte ausdenken, während ich sie schreibe. Der Fokus liegt natürlich auf der Qualität des Geschriebenen, aber um ehrlich zu sein, packt die Quantität meinen sportlichen Ehrgeiz.

Die Frage ist nur, was kann ich tun, wenn mir nichts einfällt? Die Antwort darauf ist: weiterschreiben. Die moderne Computertechnik ermöglicht es, im Nachhinein Texte zu bearbeiten, ohne großen Aufwand. Wenn ein Absatz Mist ist, weil mir gerade nichts Geistreiches im Kopf herumschwirrte, lässt er sich später löschen oder verbessern. Aber sobald man den Schreibfluss unterbricht, gibt man der ‚Blockade‘ überhaupt erst Raum zur Entfaltung. Ich versuche, zu schreiben, was mir durch den Kopf geht, nicht das, worüber ich nachdenken muss. Wenn sich tatsächlich einmal gar nichts zwischen den Ohren abspielt, weil alles herausgelassen scheint: schließe die Augen für einen Moment und öffne die Sinne. Gerüche, Geräusche, ein Gefühl am Körper, sie alle können starke Erinnerungen auslösen, die, auch wenn sie nur kurz vorbeihuschen, neue Startpunkte für Ideen und Assoziationen bieten und eine Rückkehr in den Schreibfluss ermöglichen.

Um das spontane Schreiben auf Zeit zu üben, braucht man nur eine Stoppuhr. Jeden Tag nehme ich mir so viel Zeit, wie ich übrig habe, stelle sie auf der Stoppuhr ein und schreibe drauflos. Nach einigen Versuchen entwickelt man ein Gefühl dafür, wie viel Inhalt man etwa in einer bestimmten Zeit schreiben kann. Das ist nützlich, da solche Geschichten sonst oftmals dazu neigen, an ungünstiger Stelle zu enden. Wenn die Uhr piept und ich noch zwei Absätze schreiben müsste, um die Geschichte abzuschließen, fühle ich mich manchmal wie früher während Mathearbeiten. Weiß man allerdings, dass man z.B. in 30 Minuten etwa 4 Normseiten schafft, kann man den Spannungsbogen der Geschichte anhand der Seitenzahl während des Schreibens überprüfen.

So viel zu meinen Theorien für heute. Hier ist ein druckfrisches Beispiel, heute entstanden in 27 Minuten ausgedacht und getippt.


Mamalade

Der Deckel klemmt, daran bestand kein Zweifel. Muddi hatte bereits die Ärmel ihrer einfarbigen Schürze hochgekrempelt, doch selbst unter Schweißausbrüchen blieb es ihr unvergönnt, an die köstliche Konfitüre im Inneren des Glases zu gelangen. Sie benötigte eben diesen Fruchtaufstrich, da sie doch die Nachbarn zum Kaffee eingeladen hatte und sie zu diesem besonderen Anlass ihre beste Torte präsentieren wollte.

Die Sahne stand steif geschlagen im Kühlschrank, der Mürbeteig für den Boden hatte eine hervorragende Dichte, luftig, doch nicht zu blähend. Das einzig fehlende Glied in der Kette zum perfekten Dessert war lediglich die exquisite Aprikosenkonfitüre, für die sie letztes Jahr extra nach Sizilien gereist war.

Am Fuße des Etna in einem entlegenen Tal fand sie den preisgekrönten Aprikosenbaum von Marco Poticelli. Herr Poticelli war vor der Gesellschaft geflohen, er lebte als irrer Einsiedler seit vielen Jahrzehnten jenseits der Zivilisation. Seine Aprikosen waren, vielleicht gerade deswegen, die besten der Welt. Nur ihrer Höflichkeit und ihren Grundkenntnissen in Italienisch war es zu verdanken, dass Muddi drei der kostbaren Früchte mitnehmen durfte. Und das war gerade genug, für dieses eine Glas Marmelade, dessen verdammter Deckel sich partout nicht öffnen lässt!

Die Stimme der Mudder hallte durch das Treppenhaus. Ihr dreizehnjähriger Sohn war in eine Runde Battlefield vertieft und hörte sie nicht, da er obszöne Rapmusik auf den Kopfhörern laufen hat. Erst beim dritten Rufen der Mutter, bei dem sie zum ersten Mal Repressionen bei weiterer Ignoranz androhte, drang ihre süße Stimme auf wundersame Weise zu ihrem Sprössling durch. Er unterbrach mit englischen Flüchen seine Session, nahm einen Schluck Monster Energy und fühlte sich zu allem bereit.

In der Küche angelangt, zeigte sich seine Genervtheit durch trotziges Verhalten. Er lachte die Mudder aus, als sie ihm offenbarte, dass sich der Deckel des Glases ihrer Muskelkraft widersetzte. Der Teenager trocknete seine Hände an einem Geschirrhandtuch, spuckte sich in die Finger, wie es die echten Kerle in den Hollywoodfilmen machen. In seinem Ohr hörte er Eye of the Tiger. Leider reichten in der Realität die sparsamen Liegestütz, die er alle paar Wochen absolvierte, wenn ihm die Handgelenke vom Zocken und Wichsen brannten, bei weitem nicht aus, um der Situation Herr zu werden. Er drückte und drehte, rutschte ab und fluchte, die Mudder fühlte sich insgeheim ein wenig besser, nach außen hielt sie allerdings tapfer die besorgte Miene zum lustigen Spiel. „Ach, mein Sohn!“, stöhnte sie, um ihn anzufeuern, doch in seinem Ohr krähte Häme aus ihren Worten. Zeitlebens war er dem Spott seiner Altersgenossen ausgeliefert, die sich über seinen fragilen Körper belustigten. Und nun auch noch die eigene Mutter! Ihm kullerte eine Träne über die Wange, die vom wachsamen mütterlichen Auge nicht unbemerkt blieb. Sie schloss ihren einzigen Nachkommen in die Arme und versetzte ihn in die naive Fröhlichkeit seiner frühen Kindheit zurück. Das Marmeladenglas öffnete sich dadurch aber auch nicht weiter und so musste die Muddi ihren Spätentwickler unsanft auf die eigenen Füße stellen, damit sie ihre eigenen Angelegenheiten verfolgen konnte. Die Uhr sagte schon halb zwei, um vier kommen die Gäste!

In der Not frisst der Teufel Fliegen. Zwar war es der starken Frau und Mutter zuwider (sie arbeitete zwei Jobs und erzog ihren Sohn alleine!), doch in diesem Augenblick wusste sie sich keinen anderen Ausweg, als ihren fehlverstandenen Feminismus herunterzuschlucken und bei Herrn Müller von nebenan zu klingeln. Er öffnete in Boxershorts und Bademantel, weiße Socken, Adiletten, Brusthaar, gestopfte Kippe im Mundwinkel. „Moin“, sagte er.

Seine Nachbarin präsentiert ihm das Corpus Delikti. Er zückte seine Lesebrille, die an einer goldenen Kette um seinen Hals baumelte und prüfte das Glas eingehend. „Klassischer Schraubverschluss“, murmelte er vor sich hin, während er in das Wohnzimmer ging. Der Teppich war dick und der Tisch gefliest, darauf lag eine 1. FC Nürnberg Fahne als Decke. Er setzte sich auf die Couch, die deutlich Spuren von Abnutzung in Hinternform trug. ER steckte sich noch eine Kippe an, nahm einen Schluck Zirndorfer und kramte eine Zange hervor, die unter einer Fernsehzeitschrift auf dem Tisch lag. „Hebelkraft“, sagte er und strahlte selbstzufrieden. Ein leichter Ruck an der Zange und Plopp! das Glas ging auf. So zumindest in der Theorie, doch diese neigt dazu in der Praxis grau zu bleiben. Der Kopf von Herrn Müller schwoll auf doppelte Größe an, rot wie eine Ampel, Schweiß lief über den Schnurrbart, die Brusthaare stellten sich auf, das im Knast gestochene Kugelschreibertattoo auf dem Arm pumpte in schwächer werdenden Zyklen. Er gab auf. Den Raum füllte ein fieser Schweißgeruch, der alle anwesenden Damen in kurzer Zeit nötigte, das Appartement zu verlassen.

So stand Muddi abermals im Treppenhaus, mit ihrem Marmeladenglas, das keiner aufbekam. Jetzt war es sowieso zu spät, dachte sie nach einem Blick auf die Uhr. In einer halben Stunde kamen die Gäste und ohne ein Wunder bekam keiner diese vermaledeite Marmelade.

Die Uhr schlug vier. Mit der Pünktlichkeit peinlicher Pedanten standen alle Nachbarn in festlicher Garderobe auf der Fußmatte. „Willkommen! Alles hereinspaziert! Schön, dass ihr da seid!“ Die Floskeln waren ebenso austauschbar, wie die Gesichter der Gäste. Über erlesenem Kaffee aus Übersee und feinen Plätzchen mit Edelbitter Schokolade wurde geschwatzt, getratscht und geplaudert, was die Dritten hergaben. Es wurde auch mal gelacht, so ist das nicht, Spaß haben die meisten von ihnen nicht nur im Keller. Das Highlight des nachmittäglichen Treffens, und das war allen bewusst, sollte allerdings die Torte sein. Das gegenseitige Einladen der Nachbarschaft wurde hier zum Wettkampf, zum sportlichen Ereignis, erhoben und die Damen der Haushalte versuchten sich stets gegenseitig zu übertrumpfen, mit noch fantastischeren Tortenkreationen und noch fremdländischeren Kaffeesorten.

Als Muddi ihre Torte servierte, waren alle aus dem Häuschen. Sie applaudierten und jubelten, das Wasser lief ihnen im Mund zusammen. Der stolze Sohn im Konfirmationsanzug durfte anschneiden, was für eine Ehre in seinem noch so jungen Leben. Er servierte jedem Gast ein Stück, sich selbst zuletzt, dann seiner Mutter. Alle sahen sich zufrieden an, wünschten sich einen guten Appetit und schaufelten gierig Torte in sich hinein. Der Sohn wollte sich auch in das Prachtstück vertiefen, doch seine Mutter hielt ihn zurück. Er schaute sie an und fragte: „Wie hast du das Glas eigentlich aufbekommen?“


Nach dem Schreiben rechne ich die Statistik aus (in MS Word: Überprüfen->Wörter zählen), um zu überprüfen, wie Tippgeschwindigkeit und Textqualität (subjektive Einschätzug) zusammenhängen. Es ist auch motivierend, zu sehen, wie man sich verbessert. Und wenn ein Schriftsteller von etwas nie genug haben kann, dann ist das Geld (und Motivation).

6599 Zeichen in

27 Minuten,

244,4 Zeichen pro Minute,

4,07 Zeichen pro Sekunde,

37,59 Wörter pro Minute

ausgedacht & getippt.


In diesem Sinne

Peace.

4.4.18 Lesung (Nürnberg)

Salve,

Die erste Lesung im Jahre 2018 steht an. Sie findet am 4.April in der wunderschönen DESI in Nürnberg statt.

Vorgestellt werden Texte zu dem Thema „Traum, Rausch & Wahn“. Neben zwei Kurzgeschichten wird es auch ein Kapitel aus dem bisher unveröffentlichten Nachfolger der Fantasygeschichte zu bestaunen geben.

Wir laden herzlich ein, an diesem Abend die Realität hinter uns zu lassen und uns der wundersamen Welt jenseits der Wirklichkeit zu widmen.

flyeronline

#20 Traum mit Dame


Sie trinkt ihren Tee mit zwei Würfeln Zucker. Gibt es nur losen oder Süßstoff, verzichtet sie mit einem abschätzigen Blick auf ihre goldene Armbanduhr, von der sie noch nie die Zeit ablesen musste. Ihr Körperumfang und -fettanteil offenbaren einen dekadenten Lebensstil. Ein Lebensstil, in dem Festmahl und Fettabsaugung regelmäßige Unannehmlichkeiten darstellen und jedes Schwertbarschfilet in Hollandaise lediglich eine winzige Narbe hinterlässt. Minimalinvasiv gestalten sich, neben ihren Operationen, auch wohlgemeinte Ratschläge besorgter Angehöriger, die im rauschenden Nebel zwischen ihren Ohren verhallen. So fügt sich jede Narkose in die Euphonie ihrer polytoxen Blutbahnen, auf welchen, neben dem altbewähren Kokain, auch Chemikalien treiben, deren Verträglichkeit bisher ausschließlich an Resusäffchen und geschminkten Schweinen getestet wurde. Während die Affen mit ihren Halluzinationen in produktiven Dialog traten, schwollen die Herzen der Schweine unter dem tausendfach erhöhten Druck amphetaminbelaster Gefäße auf die Größe von Wassermelonen an, um dann lautstark zu explodieren. Die Fetzen servierte man Wochen später dem Bürgermeister in Aspik auf Porzellan und einigen Hunden aus Dosen.

Doch zurück zu der Dame, denn sie hasst es, wenn man sie warten lässt. Das Warten bereitet ihr Langeweile, da sie nie lernte, Einsamkeit in Tatendrang zu wandeln. Was werden die anderen denken? ist das missverstandene Mantra, welches ihre gurgelnde Kehle vor dem Schlafengehen unter tränennassen Wangen betet. Still und nur für sich.

Die Wirbelsäule dehnt und windet sich, der Kopf wälzt im klatschnassen Kissen, die Decke wölbt sich.

Schließe die Augen und beginne zu sehen.


#19 Die Creme gegen alles

Salve,

an manchen Tagen kann es geschehen, dass der Wahnsinn Besitz von deinem Geist ergreift. Schriftsteller erreichen diesen Punkt zumeist dann, wenn die Grenze zwischen Realität und Geschichten verschwimmt. Oder wenn tollwütige Existenzängste an ihnen nagen. Der heutige Text beschreibt die nahtlosen Übergänge zwischen Realität, Traum, Rausch und Wahn. Außerdem höre ich häufiger, dass meine Texte düster seien und ich möchte diesen als Einstieg in ein paar wirklich düstere Szenen nutzen.


Jetzt gilt es. Bisher war alles nur ein Spaß. Ein bisschen schreiben, ein bisschen dichten, geschwollen daherquatschen und die Seele baumelnlassen. Nun hast du eine Familie zu ernähren. Angehörige, Abhängige. Du musst funktionieren. Doch wie schnell kannst du schreiben? Wird es reichen, um noch dieses Jahr das erste Geld zu verdienen? Keine Ahnung. Such dir einen Job! Niemals. Kein Pepp im Haus, der Kaffee schlägt bei übermäßigem Konsum auf den Magen. Also schöpfe die Kraft aus den natürlichen Energiereserven des Körpers. Als ob. Jahrelange Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber hat irgendwann Konsequenzen. Zigarette, Limo, Schokolade. Zucker, Zucker, alles dreht sich nur um Zucker.

Silbere Noten tanzen auf schwarzem Samt. Vielleicht hat Beethoven so gehört. Frederick van Eden nimmt deine Hand, drückt sie fest, zieht daran, wie auf Schienen, getrieben, gelenkt, per Schwebebahn zum Mondkalender. Was möchte er dir zeigen? Seine Aufzeichnungen, seine Weisheiten, Erfahrungen, Träume. Vorbei an Bäumen und Menschen, die sich zur Begrüßung gegenseitig in die Nippel kneifen. Hinein in einen holzvertäfelten Saal, an dessen Wänden die Ahnen in spakigen Rahmen gammeln. Auf einem Podest liegt der Kalender: Ein Foliant, eingeschlagen in Pergament aus der gegerbten Haut eines trächtigen Kamelembryos. Öffne es! Sieh es dir an, so lange du möchtest. Der Raum dreht sich, die Wände verschwimmen, wo sind deine Hände? Die Kontrolle schwindet. Wirf zumindest einen Blick hinein! Wenn du nur ein Wort erkennen könntest! Keine Hände, keine Kraft. Nur Augen, Lähmung, Synkopen, Blasphemie! Wo ist die Allmacht? Die Allgegenwart? Hier bist du kein Gott, hier ist nicht die Welt, die du erschufst. Hier ist die Welt, in der du nicht mehr bist, als eine Randerscheinung, die sich den unbekannten Gesetzen einer Physik zu ergeben hat, deren Regeln kein Mensch begreift.

Du erwachst schweißgebadet in einem Bett. Schwester, Mutter, Hund liegen daneben, tauchen durch den Fußboden in den unter euch liegenden Raum ab. Aufstehen unmöglich, das Zimmer pulsiert, aus weißem Rauschen formen sich die dröhnenden Rotorblätter eines startenden Helikopters. 15 jähriger, zarter, asthenischer junger Mann mit spitzer Fazies in deutlich reduziertem Allgemeinzustand. Der Apfel schmeckt taub, als wäre er mit Kokain bestrichen. Kein Tastsinn, kein Geruch. Das fühlt sich nicht wie Fell an. Der beste Freund des Menschen kehrt zurück, wedelt mit dem Schwanz, ein Glöckchen klingt aus der Ferne, Pawlows Speichelfluss bildet glänzende Perlen auf deiner Stirn, sie versickern in weit geöffnete Poren, werden vom Gehirnschwamm aufgesogen, ausgewrungen, in Einmachgläsern aufgefangen und für die Nachwelt konserviert. Eine gewisse Restluftmenge kann sich noch im Darm befinden. Diese geht aber mit Bewegung von allein weg.

Buddhistische Meditationsriten, futuristische Kopfhörer, pinkes Rauschen, Drogen aus dem Chemielabor. Meditation ist perfekte Unterhaltung, da sie sinnlos ist. Dies soll die Hölle sein? Ist ja halb so wild. Man gewöhnt sich an alles. Dantes Inferno. Kopf in den Mixer, Bohrer am linken Schläfenlappen positioniert und drill, drill, drill, alles wird still. Immer näher, immer lauter, metallische Penetration, Schrauben, Platten, Nägel, Hämmer, Zangen, ungefilterte Schreie direkt aus dem Zwerchfell. Horrortrip? Kein Ding. Heutzutage gibt es gegen alles eine Creme.


Peace.

#18 Dialoge für Kriminologe

Salve,

am liebsten schreibe ich Dialoge. Manchmal gibt es keine Geschichte, in die sie sich einbetten lassen und so bleiben viele von ihnen im Verborgenen. Einen solchen ‚freien‘ Dialog habe ich heute mitgebracht, er hat am Ende sogar noch den Beginn einer Rahmenhandlung erhascht. Wenn ich die Motivation finde, kann das Ganze vielleicht gar in einer kurzen Geschichte o.Ä. münden.


„Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?“

„Danke, ich rauche nicht.“

„Sollten Sie.“

„Bitte?“

„Sie sollten rauchen. Es entspannt die Nerven.“

„Ich achte auf meine Gesundheit.“

„Wünschen Sie sich ein langes Leben?“

„Nein. Nein, wirklich nicht. Ehrlich gesagt, kann ich das Ende kaum erwarten.“

„Dann nehmen Sie eine. Sie wird keinen negativen Einfluss auf Ihre Zukunft haben. Dessen bin ich mir sicher.“

„Meine Zukunft? Was habe ich schon für eine Zukunft? Sehen Sie mich an! Ich sitze im Park auf einer Bank und bringe es kaum fertig, mit einem Fremden Konservation zu führen.“

„Konversation. Entschuldigen Sie. Dieses Korrekturverhalten habe ich mir angewöhnt, es ist schwer, einmal Verinnerlichtes wieder abzulegen.“

„Was Sie nicht sagen. Mein Job hatte mich verinnerlicht. Doch nun hat er mich plötzlich abgelegt. Was halten Sie davon?“

„Ihr Job war ihr Leben?“

„Er erfüllte mich mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, etwas beizutragen. Verstehen Sie? Seit ich arbeitslos bin, irre ich herum, rastlos, nutzlos, sinnlos.“

„Die Bedeutungslosigkeit Ihrer Existenz wird Ihnen wohl erst in der Langeweile offenbar?“

„So kann man es ausdrücken. Früher hatte ich gar keine Zeit, mir über so etwas Gedanken zu machen.“

„So etwas?“

„So etwas wie den Sinn oder Unsinn des Lebens. Ich habe funktioniert. Das war alles, worum es mir ging. Jetzt funktioniere ich nicht mehr, bin überflüssig, wurde ersetzt. Wie eine kaputte Maschine. Abmontiert und auf den Müll transportiert.“

„Es gibt viele Jobs da draußen. Warum suchen Sie sich keinen neuen?“

„Sie haben leicht reden. In meinem Alter. Mit meinen Qualifikationen. Ich habe nicht einmal einen Schulabschluss, geschweige denn eine Ausbildung. Was arbeiten Sie, wenn ich fragen darf?“

„Ich erlöse.“

Der feuchte Schotter knirscht unter den profillosen Reifen des alten Benz. Typische Einsteigerkarre für Drogendealer. Das Fenster öffnet sich einen Spalt und ein Kippenstummel fliegt heraus, die Glut ertrinkt in Pfützen von letzter Nacht. Der Regen hat alles fortgespült. Die Idole der vorletzten Generation sprudeln ihre Evergreens aus dem Autoradio, der Fahrer klopft unrhythmisch auf sein Lenkrad. Die Tür öffnet sich, Buddy Holly verstummt. Ein abgewetzter Turnschuh tritt heraus und versinkt im Treibsand. Nadelstreifen Hose, darüber eine kurze Lederjacke, die Schultern an die Ohren gezogen, der unrasierte Unterkiefer sehnt sich nach einem Kaugummi. Die vernarbte Hand greift in die Jackentasche, zieht ein Päckchen Gauloises Blau heraus und steckt eine an. Schon die vierzehnte heute und es ist noch nicht einmal Mittagszeit.

„Guten Morgen Inspektor. Die Leiche liegt drüben bei der Bank.“

Der Auszubildende zieht das gelbe Absperrband hoch, der Inspektor steigt darunter hindurch, wie ein Boxer, der den Ring betritt. Er wendet sich nervös um, leckt über die Zähne, beißt sich auf die Lippe.

„Haben Sie einen Kaugummi?“

„Nein Sir, tut mir Leid.“


 

Sei stolz & bescheiden. Peace.

 

#17 ABSTURZ IN DER WÜSTE

blumenfeld

 

 

 

‚Absturz in der Wüste‘ ist der 1. Teil der Serie ‚Die Fantasygeschichte‘. Ein humoristisches Abenteuer für jung und alt mit Illustrationen aus Künstlerhand.

Die Fantasygeschichte ist erhältlich als Taschenbuch und als ebook.

Zudem gibt es die deluxe-Version bei uns persönlich oder auf Bestellung (an: jbilderberg@icloud.com)


Nach einjähriger Arbeit bin ich froh, die Ernte präsentieren zu dürfen. Es wurde recherchiert, getippt, korrigiert, diskutiert, gezeichnet, geklebt, gesetzt und gegen Ende geschwitzt. Ich bedanke mich an dieser Stelle noch einmal bein den vielen Mitwirkenden, insbesondere: Sena für ihre Ideen und Einflüsse, Meier für seine Zeichnungen und Max & Sam für das Testlesen.


Inhalt

Der gewissenhafte Sammler Fontis wird in ein entlegenes Dorf am Rand der Ewigen Wüste entsandt. Er ist Experte für die verschollenen Relikte und die zahlreichen Legenden, die sich um dieses Gebiet ranken.  Fintsere Dämonen, menschenfressende Ungetüme und die gnadenlose Sonne verraten, warum man diese Einöde den Kontinent der Flammen nennt.

Zum Glück muss Fontis diesen Vorhof der Hölle nicht allein betreten. Kommandantin Virga steht ihm pflichtbewusst zur Seite. Das würde sie zumindest, wenn sich Fontis nicht verspätet hätte. Auf der Suche nach der Kommandantin muss er vorsichtig sein, denn die Dorfbewohner haben eigene Probleme, bei deren Lösung sie sich die Hilfe des Fremden erhoffen.


Das Phantastische

Auf dem Kontinent der Flammen leben allerlei Wesen, die sich weder Mensch noch Tier zuordnen lassen. Viele von ihnen meiden den Kontakt zu Menschen, sodass ihre Existenz nur durch die Erzählungen einzelner bezeugt wird.

ghulestadtBerichte über das Auftauchen von Ghulen in Siedlungen nahe der Wüste gehören hingegen zum Alltag. Diese seltsamen Geschöpfe des Sandes überfallen nachts die Dörfer und verbreiten Unheil. Unter der Bevölkerung verbreitet sich das Gerücht, dass Ghule ihre Opfer verspeisen.

Wesentlich seltener, dafür auf Hoffnung statt auf Angst beruhend, sind Begegnungen mit Jinn. Als friedliche Dämonen leben sie zurückgezogen in der Wüste. Doch schon manch verirrter Wanderer, der sich dem Verdursten nahe sah, durfte die glückliche Begegnung mit den Jinn erleben. Sie stehen in dem Ruf, den Menschen Wünsche erfüllen zu können, was in den Menschen (ganz artgerecht) Begierlichkeiten weckt.


Leseprobe

>Auf und in ihren Körpern tragen die Bewohner des Dorfes Käfer, die sich in komplexen Höhlensystemen unter der Haut eingerichtet haben. Mitunter erkennt man feine Beulen an Armen oder Hälsen von Bauern, die sich mit krabbelnder Geschwindigkeit fortbewegen.

Aufgrund ihrer geringen Größe sind die Käfer nicht weiter schädlich für den menschlichen Organismus. Ein vergleichsweise harmloser Parasit. Die Käfer sind stets bemüht, ihre subkutane Population so gering zu halten, dass sie die Gesundheit ihres Wirtes nicht gefährden.

Afarit bleibt neben zwei Bauern stehen, die sich in belanglosem Tratsch verwirklichen:

„Ich sage dir, es war auf jeden Fall ein Ghul. Du kannst froh sein, dass er dich verschont hat!“

„Nein! Es war viel größer. Wie ein Mensch, aber zwei Köpfe größer als wir“, er zeigt es mit der Hand, „so in etwa. Und es hatte Flügel, wie ein Drache. Bestimmt war es ein Drache!“

„Entschuldigt, wenn ich mich einmische“, unterbricht sie Afarit, „mich interessiert diese Erscheinung ebenfalls. Wann und wo ist dir dieses Wesen begegnet?“

„Es war heute früh. Es rannte an meinem Fenster vorbei, schneller, als ich je einen Menschen rennen sah. Erst dachte ich, es sei ein Ghul, deswegen griff ich zu meiner Sichel und wagte mich nach draußen. Dort sah ich das Wesen“, er zeigt mit dem Finger, „beim Haus des Aufsehers. Vielleicht wollte es ihn angreifen, dachte ich. Also bin ich zu ihm gelaufen, um ihn zu warnen. Ich habe gegen die Tür gehämmert, bis der Aufseher sie öffnete. Nackt war er. Zu all dem Leid auch das noch!

Er hat mich geohrfeigt und weggeschickt. Sagte, bei ihm sei kein merkwürdiges Wesen und dass es bestimmt nur ein Traum gewesen sei und dass ich ein Idiot sei. Und viele Gemeinheiten mehr.“

„Du hast mir sehr geholfen“, spricht Afarit zu dem Bauern, „daher möchte ich dir einen Wunsch erfüllen.“

„Einen Wunsch? Was seid Ihr? Ein Jinn? Na gut, dann Wünsche ich mir, dass ich nie bei der Ernte in Flammen aufgehen werde.“

„Dein Wunsch sei mir Befehl“, spricht Afarit, zückt seinen Säbel und enthauptet den Bauern mit einem Streich.<